Genossenschaftliche Selbsthilfe stärkt das Gemeinwesen

Ein Forschungsprojekt des Instituts für Genossenschaftswesen an der Humboldt-Universität zu Berlin (IfG) untersucht die Entwicklung genossenschaftlicher Neugründungen. Ein Großteil sind Energiegenossenschaften: Kooperationen zur Produktion oder Vertrieb Erneuerbarer Energien, darunter prominent zum Beispiel Greenpeace Energy eG. Daneben gründeten sich aber auch viele Genossenschaften in den Bereichen Handwerk, IT, Gesundheit, Kunst und Kultur oder Soziales. Interessanterweise wird die Genossenschaftsidee in neuen Geschäftsfeldern entdeckt, in denen sie bislang keine besondere Rolle spielte.

Marleen Thürling, Redaktion Genossenschaften

Über 2.000 neue Genossenschaften sind in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland gegründet worden. Das ist eine beachtliche Zahl, bedenkt man den lange Zeit rückläufigen Trend der Genossenschaftszahlen. Allein zwischen den Jahren 1950 bis 2000 sank die Zahl der Unternehmen in der Rechtsform »eingetragene Genossenschaft« (eG) um 70 Prozent.

Hintergründe der Entwicklung

Die Gründe für diese Entwicklungen sind vielfältig. Zum einen sind mit der Novellierung des Genossenschaftsgesetzes 2006 Erleichterungen zur Gründung einer Genossenschaft geschaffen worden und mit Einführung des Erneuerbare Energien-Gesetzes (EEG) 2009 ist die Gründung von Bürger­energiegenossenschaften wesentlich attraktiver geworden. Zum anderen hat das Interesse an Mitbestimmung und Selbstorganisation zugenommen. Spätestens seit der Finanz- und Wirtschaftskrise in Europa gewinnt die Genossenschaft als regional verankerte und demokratische Wirtschaftsform enorm an Attraktivität.

Genossenschaften sind in erster Linie Selbsthilfeorganisationen für ihre Mitglieder, so sieht es auch das Genossenschaftsgesetz (GenG) vor. In den vergangen Jahren haben sich allerdings zunehmend Genossenschaften gegründet, die über das Wohl der Mitglieder hinaus einen Beitrag für das Gemeinwesen leisten. Ihr Ziel ist es weniger, ihren Mitgliedern wirtschaftliche Vorteile zu verschaffen, sondern einen gesellschaftlichen Mehrwert zu generieren, unter anderem, indem sie bestimmte Angebote der Daseinsvorsorge absichern. Prominente Beispiele für diese »Genossenschaften des Gemeinwesens« sind genossenschaftliche Dorfläden, Nachbarschaftszentren, Stadtteil- oder Quartiersgenossenschaften, Kino und Theater, Bürgerbusse, aber auch genossenschaftliche Kindergärten, Behindertenwerkstätten und Seniorengenossenschaften.

Genossenschaften in der Daseinsvorsorge

Obwohl die Zahl aller neu gegründeten Genossenschaften in den letzten Jahren zurückgegangen ist, haben die Gründungen im Gemeinwesen zugenommen. Das Interesse an diesen Genossenschaften scheint also nicht nachzulassen, im Gegenteil. Denn der Bedarf für genossenschaftliche Lösungen wird zukünftig nicht ab-, sondern weiter zunehmen. Bevor bestimmte Dienste und Angebote komplett wegbrechen, weil sie vom Staat nicht mehr finanziert und für den Markt nicht profitabel genug sind, übernehmen betroffene Bürger*innen diese in Eigenregie.

Das IfG hat in Kooperation mit dem Institut für Ländliche Entwicklung (IfL) in Leipzig untersucht, wie viele dieser Genossenschaften in den vergangenen Jahren entstanden sind. Die Erhebung liefert damit einen ersten Überblick über die zahlenmäßige Entwicklung und verschiedenen Geschäftsmodelle. Einbezogen wurden Genossenschaften, die einen Beitrag zum Gemeinwesen bereitstellen (siehe dazu Info-Kasten Community Cooperatives).

Vielfältigkeit der Ansätze

Von den insgesamt 315 neu gegründeten Genossenschaften des Gemeinwesens sind mehr als ein Drittel im Bereich der Nahversorgung entstanden, mehrheitlich Dorfläden im ländlichen Raum. Aber auch Gasthäuser, Erzeuger-Verbraucher-Kooperationen und Weltläden (vor allem im städtischen Bereich). Mehr als ein Viertel dieser Genossenschaften wurden im Bereich der Sozialwirtschaft gegründet, die sich zum Teil auch mit staatlichen Geldern finanzieren und an denen beispielsweise Unternehmen oder Wohlfahrtsverbände beteiligt sind. Dazu zählen Genossenschaften Erwerbsloser, Behindertenwerkstätten, Palliativ- und Pflegeeinrichtungen sowie genossenschaftliche Kindergärten und Schulen.

Einen Beitrag zum Gemeinwesen leisten auch viele Genossenschaften im Bereich der Raumentwicklung, die beispielsweise Bürgerhäuser erhalten, Denkmalschutz betreiben, regionale Wirtschaftskreisläufe durch Regionalwährungen stärken oder Ackerflächen in Gemeinschaftseigentum überführen. Jede zehnte Genossenschaft stellt Leistungen in den Bereichen Freizeit und Kultur bereit, zum Beispiel Sport­einrichtungen wie Schwimm- und Turnhallen, Theater, Kino und andere Kultureinrichtungen.

Regional unterschiedliche Verteilung

Im Forschungsprojekt des IfG wurde untersucht, wo diese Genossenschaften entstehen. Anhand der Karte lässt sich nachvollziehen, dass sich ein Großteil im Süden bzw. Südwesten Deutschlands gegründet hat und die Gründungsdynamik in den östlichen Bundesländern – bis auf Berlin – deutlich geringer ausfällt. Auch im Verhältnis zur Einwohnerzahl verändert sich dieses Muster nicht wesentlich. Weitere Analysen zeigen, dass Genossenschaften des Gemeinwesens eher in Regionen entstehen, die in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht besser aufgestellt sind. In den stärksten Regionen wurden durchschnittlich zwei neue Genossenschaften gegründet, in den schwächsten Regionen Deutschlands dagegen durchschnittlich keine. Das deckt sich weitgehend mit Befunden aus der Engagement-Forschung: Menschen sind eher in der Lage und willens, sich freiwillig zu engagieren, je höher ihr Einkommen und ihr Bildungsniveau ist.

Dies lässt mindestens zwei Schlussfolgerungen zu. Genossenschaftliche Selbsthilfe kann, genau wie vor 150 Jahren, eine zeitgemäße Antwort auf Versorgungsprobleme sein und Menschen dort eine Handlungsoption bieten, wo sich Markt und Staat aus der Versorgung zurückgezogen haben. Deutlich wird aber auch, dass Selbsthilfe und Selbstorganisation voraussetzungsvoll sind, nicht jede*r verfügt über die Möglichkeiten und das Kapital, eine Genossenschaft zu gründen. Auch deshalb können Genossenschaften kein Ersatz für staatliche Versorgungsleistungen sein. Das ist wichtig zu betonen, denn andernfalls droht die genossenschaftliche Selbsthilfe für den Abbau von Leistungen in der Daseinsvorsorge instrumentalisiert zu werden.

Marleen Thürling ist Promotionsstudentin am Institut für Genossenschaftswesen an der Humboldt-Universität zu Berlin (IfG). Sie forscht zu Entstehungsbedingungen von Genossenschaften und der Rolle bürgerschaftlichen Engagements.

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