Mutige Maulwürfe

Kölner Schriftsteller und Widerstandsforscher Erasmus Schöfer hat hundert kurze Geschichten über Widerstandsaktionen aus aller Welt verfasst - anregend und kurzweilig zu lesen. Contraste serviert einen Appetithappen.

ERASMUS SCHÖFER, KÖLN

Der Hambacher Forst bei Aachen ist ein Wald, auf den das Eigenschaftswort uralt einmal wirklich passt. Zwölf tausend Jahre, wird gesagt, bestehe er, was man wohl nur den Geologen glauben wird. Denn der heutige Wald, soweit noch etwas von ihm übrig ist, wird vor allem von Eichen und Hainbuchen bewachsen, die kaum älter als zweihundert Jahre sein dürften. Von den fünftausend Hektar der ursprünglichen Ausdehnung sind kaum mehr als fünfhundert übrig geblieben, als einziger zusammenhängender Wald im rheinischen Becken.

Den größten Teil davon, und viele alte Dörfer gleich mit, haben die Riesenbagger der Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerke gefressen, damit sie an das darunter liegende Braunkohlenflöz gelangen konnten. Und jetzt wollen sie aus dem gleichen Grund das letzte Stück Wald vernichten, damit die Elektrizitätswerke des mächtigen Unternehmens was zum Verbrennen haben. Das ist, wie heute jedes Kind weiß, die klimaschädlichste Form der Energiegewinnung.

Im Frühjahr 2011 besetzten Umweltschützer den bedrohten Wald und richteten sich dort für einen unbegrenzten Aufenthalt ein. Sie wussten, dass bis Oktober keine Bäume gefällt werden durften. Sie nutzten die Sommermonate, um sich in Baumkronen und am Boden feste Behausungen zu bauen. Sie wurden dabei von Bürgern aus den umliegenden Dörfern mit Material und Lebensmitteln unterstützt. So entstand auch ein dreistöckiges festes Küchenhaus, an dem der Tischler Jonas Z. seine fachlichen Kenntnisse bewähren konnte.

Was aber außer Suppe kochen noch in diesem Haus vor sich ging, wusste außer den Besetzern niemand - es war ihr strategisches Geheimnis. Als nach dem 1. Oktober das Bäumeschlachten behördlich erlaubt war, rückten unangenehm gefühlte fünfzig Mannfrau Grüne in voller Kampfmontur an, taten aber nichts weiter als das Lager inspizieren und bedrohlich zu wirken. Das gut getarnte Küchengeheimnis entging ihnen. Endlich, als die Waldschützer sich erneut geweigert hatten, die Besetzung freiwillig zu beenden, umstellte eine Armada von uniformierten Erfüllungsgehilfen der RWE das Lager. Polizei, Feuerwehr, Technisches Hilfswerk und Kletterspezialisten der Bundeswehr, ausgerüstet mit Bulldozern und Kranwagen mit Hubplattformen. Sie begannen, die Hütten zu zerstören und die Besetzer aus den Baumkronen zu holen, in denen sie sich angekettet hatten.

Da die Besetzer keinen aktiven Widerstand leisteten, schätzten die Einsatzkräfte, dass ihr Krafteinsatz noch vor der Nacht glimpflich beendet wäre. Da wurde ihnen aber mitgeteilt, dass unter ihren Füßen ein Besetzer in einer Höhle versteckt sei, dessen Leben sie gefährden würden, wenn sie mit ihren schweren Kranwagen über ihn führen. Als sie diese Auskunft für eine Finte hielten, wurde ihnen im Küchenhaus ein sechs Meter tiefer Schacht gezeigt, der in ein verzweigtes Höhlensystem führt, in dem irgendwo der Jonas sich verborgen hatte. Wie die Palästinenser an der Grenze zum ägyptischen Sinai hatten die Besetzer den Boden untergraben und irgendwo unten lag oder saß ihr Mann, ausgerüstet mit Wasser und Licht für mehrere Tage.

Diese Form von gewaltlosem Widerstand hatte es noch nicht gegeben, weder in Wyhl noch in Gorleben noch an der Startbahn West. Große Ratlosigkeit. Am nächsten Tag kletterte ein Mutiger von der aus dem Ruhrgebiet herbei zitierten Grubenwehrin den Schacht, kroch ein paar Meter in den Tunnel, rief hinein, erhielt aber keine Antwort. Ein Saugbagger wurde herbeigeschafft, um die Höhle nicht durch Erschütterung zum Einsturz zu bringen, mit dessen Hilfe ein neuer Schacht ausgebaggert und mit Betonringen gegen nachstürzende Erde gesichert wurde. Grubenhölzer wurden hinabgelassen, mit denen die Bergleute nach und nach den Gang zur Aufenthaltshöhle ausbauten. Der Frontmann sah Jonas im Scheinwerferlicht in seinem Walfischbauch sitzen und forderte ihn auf herauszukommen. Erfolglos. Als er ihm fast zum Greifen nah gekommen war, riss Jonas ein paar der Holzstempel ab und verschwand in einem Seitengang. Um meinen Bericht zu verkürzen, sage ich nun, dass es drei Tage lang dauerte, bis ihn einer der Bergmänner zu fassen kriegte, woraufhin Jonas dann freiwillig mitkroch ins nächtliche Scheinwerferlicht. Wohlbehalten, wie der Notarzt feststellte.

Alle Zeitungen der Region berichteten ausführlich über den verzweifelt mutigen Einsatz des Waldschützers und kritisierten fast alle den amtlich genehmigten Wahnsinn der Braunkohlenverbrennung durch die RWE. Der Tischler Jonas Z. aber wird eingehen in die Geschichte des Widerstands gegen die fatalen Errungenschaften der technischen Unvernunft.

Aus: Erasmus Schöfer: Kalendergeschichtendes rheinischen Widerstandsforschers. Verbrecher Verlag Berlin 2016, 144 Seiten, 12 Euro.

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